Meine damalige Partnerin stammt aus der Ukraine, und im August 2004 reise ich mit ihr zusammen in ihr Heimatland. Das Visum dafür bekomme ich vorher in Berlin. Wir sind in der Hauptstadt Kyjiw unterwegs, damals bei uns meist noch Kiew genannt, und besuchen auch ihr Dorf, in dem sie aufgewachsen ist.
Beeren vom Mütterchen
Im Dorf kaufen wir einem alten Mütterchen Beeren ab. Sie kosten einen winzigen Betrag, kaum der Rede wert. Kurz darauf kommt die Frau uns hinterher und gibt uns Geld zurück: Sie hat uns zu viel berechnet. Aufgefallen wäre uns das nie, so absurd günstig sind die Beeren ohnehin. Diese Ehrlichkeit ist mir bis heute in Erinnerung geblieben.
Kiewer Torte

Mein größtes Geschmackserlebnis ist die Kiewer Torte: knusprige Baiserböden mit Haselnüssen oder Cashewkernen, dazu eine Buttercreme, oft mit Schokolade, und obendrauf eine Verzierung aus Creme und Nüssen.11Die Kiewer Torte (Kyjiwskyj tort) wird seit 1956 in der Kiewer Süßwarenfabrik produziert, die damals nach Karl Marx benannt war und heute zum Konzern Roshen gehört. Das genaue Rezept gilt als Betriebsgeheimnis (Wikipedia). Die Fabrik gehört zum Süßwarenimperium des Unternehmers Petro Poroschenko, der von 2014 bis 2019 Präsident der Ukraine ist. Sein Spitzname: „Schokoladenkönig“. Ich esse 2004 also gewissermaßen schon die Torte eines künftigen Staatspräsidenten.
In jedem Café, in das ich gehe, bestelle ich ein Stück. Später kaufe ich mir sogar eine komplette Torte. Das ist dann allerdings zu viel: Die Torte ist so unglaublich süß und kalorienreich, dass mir danach jedes Mal schlecht wird. Trotzdem esse ich sie dauernd.
Hunderte Sorten Zukerky
Genauso gut erinnere ich mich an die Süßwarengeschäfte. Dort liegen riesige Mengen kleiner, einzeln verpackter Süßigkeiten, die Zukerky (Цукерки).2sprache2Zukerky heißt einfach „Bonbons“ oder „Pralinen“. Oft sind es Hunderte verschiedene Sorten: viele Schokoladenpralinen mit Nüssen, dazu Waffeln, Karamell, Fruchtgelee oder Pralinen mit cremigen Füllungen. Verkauft werden sie nach Gewicht, und man stellt sich seine Tüte aus verschiedenen Sorten selbst zusammen.
Ich glaube, ich habe die Verkäuferin ziemlich genervt: Gefühlt nehme ich von jeder Sorte nur ein einziges Stück.
Der Maidan
In Kyjiw sind wir häufig auf dem zentralen Platz, dem Maidan Nesaleschnosti (Майдан Незалежності), dem Unabhängigkeitsplatz.
Wenige Monate nach unserem Besuch wird genau dieser Platz weltweit bekannt. Nach der Stichwahl um die Präsidentschaft am 21. November 2004 werfen Opposition und Beobachter der Regierung Wahlfälschung zugunsten von Wiktor Janukowytsch vor. Ab dem 22. November 2004 protestieren Hunderttausende auf dem Maidan, viele in Orange, der Farbe des Oppositionskandidaten Wiktor Juschtschenko. Das Oberste Gericht annulliert die Stichwahl, Juschtschenko gewinnt die Wiederholung am 26. Dezember und wird am 23. Januar 2005 als Präsident vereidigt.33Zusammenfassung nach Wikipedia: Orange Revolution. Von dieser Orangen Revolution bekomme ich selbst nichts mehr mit, da bin ich längst wieder zu Hause.
Armut
Insgesamt habe ich die Ukraine als sehr armes Land in Erinnerung. Das hat historische und wirtschaftliche Gründe: Nach dem Zerfall der Sowjetunion bricht die Wirtschaft zunächst dramatisch ein. Viele Staatsbetriebe werden privatisiert, große Teile der Industrie geraten in die Hände weniger Oligarchen. Korruption, schwache Gerichte und politische Einflussnahme behindern Investitionen und Wettbewerb. Dazu kommt die Abhängigkeit von Schwerindustrie und Rohstoffexporten.
Zwei Jahre zuvor war ich eine Woche in Polen, ebenfalls ein Land des früheren Ostblocks. Beide Länder haben den Sozialismus hinter sich, doch 2004 trennt sie wirtschaftlich viel.44Bruttoinlandsprodukt pro Kopf 2004 in laufenden US-Dollar: Ukraine 1401, Polen 6712, Deutschland 34 567 (Weltbank). Polen erwirtschaftet damit pro Kopf fast das Fünffache der Ukraine. Polen ist im Mai 2004, drei Monate vor meiner Ukraine-Reise, der Europäischen Union beigetreten. Während Polen zunehmend westliche Unternehmen anzieht und sich in den europäischen Binnenmarkt integriert, kommt die Modernisierung der ukrainischen Wirtschaft nur schleppend voran.
Doch die Ukraine hat sich seit meinem Besuch 2004 wirtschaftlich deutlich entwickelt. Gemessen an einer internationalen Armutsgrenze von 6,85 Dollar pro Tag, kaufkraftbereinigt, lebten 2004 noch rund 44 Prozent der Bevölkerung in Armut, 2020 waren es nur etwa sieben Prozent. Der Krieg seit 2022 kehrt diese Entwicklung teilweise wieder um: Nach Schätzungen der Weltbank leben 2025 rund 42 Prozent der Bevölkerung unter der nationalen Armutsgrenze. Vor der großen Invasion 2021 waren es nach diesem Maßstab noch rund 20 Prozent.