Ende März 2011 bin ich in Prag unterwegs. Zwischen den Figuren der Karlsbrücke und den Türmen des Veitsdoms liegen kleine Plätze, bemalte Häuser und ein Café voller Jugendstilleuchter. Am nächsten Tag kommen ein ziemlich ungewöhnliches Reiterstandbild und eine kubistische Villa dazu. Mein Rundgang führt durch verschiedene Teile der Stadt, immer wieder mit einem Blick auf die Moldau.
Von der Karlsbrücke in die Altstadt (30. März)
Auf der KarlsbrückeKarlsbrückeBrückePrag · Tschechien50,086434° N · 14,411907° OMittelalterliche Moldaubrücke zwischen Altstadt und Kleinseite; Baubeginn 1357, später mit zahlreichen barocken Heiligenfiguren ausgestattet.Offizielle Website Google Maps bleibe ich vor einer Figurengruppe stehen. Maria trägt das Jesuskind, neben ihr kniet der heilige Bernhard. Auf dem Sockel und zwischen den Figuren gibt es noch mehr zu entdecken: Engel, Wappen und die Gegenstände der Passionsgeschichte. Die Brücke ist nicht nur eine Verbindung über den Fluss, sondern auch eine lange Reihe von Bildern aus Stein.
Ihr Bau beginnt 1357 unter Karl IV. Die barocken Heiligenfiguren kommen viel später hinzu; die Gruppe mit Maria und Bernhard geht auf Matěj Václav Jäckel und das Jahr 1709 zurück. Auf der Brücke steht allerdings eine Kopie. Das Original wird geschützt aufbewahrt, wie die städtische Beschreibung der Karlsbrücke erklärt. Bei all den scheinbar selbstverständlich zusammengehörenden Steinen lohnt sich diese Unterscheidung zwischen mittelalterlicher Brücke und späterem Figurenschmuck.
In der Altstadt zieht mich zunächst der Malé náměstí, der Kleine Ring, mit seinen dicht nebeneinanderstehenden Häusern an. Auf einer Fassade steht groß V. J. Rott. Rings um die Fenster verteilen sich gemalte Figuren und Ornamente. Auf dem Platz steht ein Brunnen hinter einem kunstvollen Eisengitter. Hier braucht es keinen großen Aussichtspunkt: Schon ein paar Meter vor einer Hauswand gibt es genug anzuschauen.
Am Haus zur Minute, dem Dům U Minuty, wechselt die Technik. Die dunkle Fassade ist von hellen Sgraffiti überzogen. Unter dem weit vorspringenden Dach, zwischen den Fenstern und selbst um die Hausecke herum reihen sich Figuren und Szenen aneinander. Bei Sgraffiti wird eine obere Putzschicht so bearbeitet, dass darunterliegende Schichten sichtbar werden. Aus einer Wand wird dadurch fast eine bebilderte Erzählung.

Das Haus hat einen spätgotischen Kern und wird in der Renaissance umgestaltet. Auch Franz Kafka lebt hier als Kind mit seinen Eltern, von 1889 bis 1896. Diese Verbindung und die Geschichte der wiederentdeckten Sgraffiti geben der auffälligen Ecke noch eine zweite Geschichte neben den Bildern auf der Wand.
Rathausuhr und Altstädter Ring
Wenige Schritte weiter stehe ich vor dem Altstädter Rathaus mit Astronomischer UhrAltstädter Rathaus mit Astronomischer UhrGebäudePrag · Tschechien50,086977° N · 14,420575° OSeit 1338 gewachsenes Rathausensemble am Altstädter Ring mit gotischem Turm und der astronomischen Uhr Orloj.Offizielle Website Google Maps . Die Astronomische Uhr, der Orloj, sitzt außen am Turm. Kreise, Zeiger, Tierkreiszeichen und Figuren teilen die Wand in mehrere Ebenen. Das ist deutlich mehr als eine Uhr, an der man nebenbei die Zeit abliest.
Das Rathaus wird 1338 gegründet, die astronomische Uhr stammt in ihrem Ursprung aus dem frühen 15. Jahrhundert. Ihr Zifferblatt verbindet die Zeit mit einem Bild der Himmelsbewegungen. Der tschechische Rundfunk erläutert den Aufbau mit astronomischem Zifferblatt und Kalenderscheibe. Schon von außen lässt sich gut sehen, wie eng hier handwerkliche Gestaltung und das Vermessen der Welt zusammengehören.

Auf dem Altstädter Ring wird der Raum dann viel weiter. Vor den Häuserfassaden steht das Jan-Hus-Denkmal, eine große Gruppe mit der aufrechten Gestalt des Reformators. Seitlich erhebt sich die barocke Nikolauskirche mit hellen Wänden und grünen Turmhauben. Das Denkmal wird 1915 enthüllt, die Kirche ist ein Bau des 18. Jahrhunderts. Auf einem einzigen Platz stehen damit sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Geschichte sichtbar werden soll.
Jugendstil hinter der großen Fassade
Am Gemeindehaus (Obecní dům)Gemeindehaus (Obecní dům)GebäudePrag · Tschechien50,087772° N · 14,427797° ORepräsentativer Jugendstilbau mit Konzertsälen, Restaurants und Café am Platz der Republik.Offizielle Website Google Maps , schaue ich wieder nach oben. Über dem Eingang spannt sich ein großes Mosaik unter einen Bogen; Metall, Glas und Skulpturen setzen die Fassade fort. Nach den Sgraffiti und der Rathausuhr wirkt die Gestaltung großzügiger und verspielter.
Der Bau entsteht zu Beginn des 20. Jahrhunderts als repräsentatives Haus der tschechischen Kultur. An seiner Ausstattung arbeiten zahlreiche Künstler, darunter Alfons Mucha. Hinter der Fassade liegen verschiedene Säle, Restaurants und ein Café. Die städtische Darstellung des Gemeindehauses macht deutlich, dass der Schmuck hier durch das ganze Gebäude weitergeführt wird.
Zwischendurch komme ich in der Michalská an einem Durchgang mit einem handgemalten Schild vorbei: Čajovna U zlatého kohouta, die Teestube zum goldenen Hahn. Im Hof hängen weitere Schilder, an der Wand ist ein Hahn gemalt. Es ist ein viel kleinerer, stillerer Zugang als die große Fassade des Gemeindehauses.
Später bin ich in der Café Obecní důmCafé Obecní důmCaféPrag · Tschechien50,087772° N · 14,427797° OJugendstil-Café im Gemeindehaus mit Mahagoniverkleidung, großen Glasleuchtern und einem Nymphenbrunnen. Koordinate am Gemeindehaus.Offizielle Website Google Maps , dem Café des Gemeindehauses. Von der Decke hängen große Leuchter, deren Glasstäbe und Lampen fast wie eigene Säulen wirken. Spiegel verlängern den Raum, unten stehen Holztische und gebogene Stühle. An der Stirnwand sitzt ein heller Nymphenbrunnen. Die Beschreibung des Café-Betreibers nennt dazu Mahagoniverkleidungen, historische Sitznischen und das Relief aus Carrara-Marmor. Hier lohnt es sich, den Blick einmal durch den ganzen Saal wandern zu lassen.

Über der Moldau auf Letná
Am Nachmittag verändert sich die Perspektive. Von Letná schaue ich über die Moldau auf die Altstadt. Zwischen den Bäumen öffnet sich der Blick auf die Čech-Brücke; weiter flussaufwärts folgen weitere Brücken. Aus den einzelnen Straßen und Plätzen des Vormittags wird nun ein zusammenhängendes Stadtbild.
Auf dem Plateau steht das Prager MetronomPrager MetronomWahrzeichenPrag · Tschechien50,094771° N · 14,415946° O1991 errichtete bewegliche Skulptur von Vratislav Karel Novák auf Letná am früheren Standort des Stalin-Denkmals.Offizielle Website Google Maps . Der große orangefarbene Arm und das dunkle Gestell haben wenig von einem klassischen Denkmal. Gerade deshalb fällt die Konstruktion an diesem Aussichtspunkt so auf.
Hier steht früher das monumentale Stalin-Denkmal. Es wird 1955 enthüllt und schon 1962 wieder gesprengt. Seit 1991 nimmt das Metronom von Vratislav Karel Novák den Platz ein. Die Prager Stadtverwaltung beschreibt diesen Wechsel vom Personenkult zur weithin sichtbaren Zeitskulptur. Der Blick auf die Stadt ist geblieben, die Aussage des Ortes hat sich grundlegend verändert.

Veitsdom und Aussicht von der Burg
Später steht der VeitsdomVeitsdomKirchePrag · Tschechien50,09083° N · 14,40056° OKathedrale innerhalb der Prager Burg, ab 1344 gotisch erbaut und nach späterer neugotischer Vollendung 1929 geweiht.Offizielle Website Google Maps vor mir. Aus der Nähe löst sich die vertraute Silhouette in unzählige Einzelheiten auf: spitze Bögen, Figuren, Maßwerk und die große Fensterrose der Westfassade. An der Südseite kommt der mächtige Turm mit seiner anders geformten Haube dazu. Ich schaue mir den Bau von mehreren Seiten an.
Die gotische Kathedrale wird ab 1344 errichtet. Matthias von Arras und Peter Parler gehören zu ihren entscheidenden Baumeistern. Nach langen Unterbrechungen geht der Ausbau erst im 19. Jahrhundert weiter; 1929 wird die vollendete Kirche feierlich geweiht. Die Burgverwaltung erklärt die Bauphasen. Die Westfassade ist also kein unverändert überliefertes Stück Mittelalter, sondern gehört wesentlich zur späteren Vollendung.

Auch außerhalb des Doms lohnt sich der Aufenthalt auf dem Burgberg. Unter mir liegen Gärten, helle Palastfassaden und die roten Dächer der Kleinseite, Malá Strana. Weiter hinten zeichnet die Moldau eine Grenze durch das Häusermeer. Die grüne Kuppel der dortigen Nikolauskirche setzt einen deutlichen Akzent zwischen den Dächern. Es ist eine andere Nikolauskirche als die am Altstädter Ring.
Die Aussichten von Letná und von der Burg ergänzen sich gut. Am Fluss erkenne ich vor allem die Brücken und Ufer. Hier oben werden die Höfe, Gärten und Dächer unterhalb der Burg sichtbar. Gegen Ende des Nachmittags bin ich wieder zwischen den Häuserzeilen der Kleinseite unterwegs. In der U Železné lávky schaue ich entlang der Fassaden zur Grünanlage am Klárov.
Ein Reiter unter der Glaskuppel (31. März)
Am nächsten Tag hängt in der Palác LucernaPalác LucernaGebäudePrag · Tschechien50,081131° N · 14,425819° OKultur- und Geschäftskomplex in der Prager Neustadt mit überdachter Passage und David Černýs Skulptur eines umgedrehten Pferdes mit dem heiligen Wenzel.Offizielle Website Google Maps ein Pferd über mir. Es hängt kopfüber an seinen Beinen, und auf seinem Bauch sitzt unbeirrt ein Reiter. Die Glaskuppel und die elegante Passage bilden einen ziemlich feierlichen Rahmen für diese verdrehte Szene.
Es ist David Černýs Pferdeskulptur, mit dem heiligen Wenzel auf dem umgedrehten Tier. Das Werk entsteht 1999 und hängt seit 2000 in der Lucerna. Die Beschreibung des Kunstwerks erklärt auch den Bezug zum traditionellen Reiterbild des Landespatrons. Aus der heroischen Haltung wird durch eine einzige Umkehrung etwas ausgesprochen Absurdes.

Auf dem Wenzelsplatz begegnet mir kurz darauf wieder das klassische Bild: das aufrechte Reiterdenkmal vor dem Nationalmuseum. Von oben reicht der Blick weit über den langgezogenen Platz. Autos, Straßenbahngleise, Menschen und die Reihen der Geschäftshäuser bestimmen das Bild. Nach der geschlossenen Passage ist das wieder ein ganz anderer Maßstab.
Cacus im Garten des Dvořák-Museums
Die nächste Station führt zur Villa Amerika in der Neustadt, dem Sitz des Antonín-Dvořák-Museum (Villa Amerika)Antonín-Dvořák-Museum (Villa Amerika)MuseumPrag · Tschechien50,073711° N · 14,426942° OMuseum des Komponisten Antonín Dvořák in der barocken Villa Amerika; zum Garten gehören Skulpturen aus der Werkstatt Matthias Bernhard Brauns.Offizielle Website Google Maps . Im Garten steht eine Sandsteinskulptur des Riesen Cacus auf einem reich verzierten Sockel. Als Obr Kákos wird sie im Prager Kunstkatalog geführt und der Werkstatt von Matyáš Bernard Braun zugeschrieben. Der kräftige Körper, der erhobene Arm und die bewegte Haltung passen gut zu der barocken Architektur dahinter.

Die Villa entsteht im frühen 18. Jahrhundert nach Plänen von Kilian Ignaz Dientzenhofer. Seit 1932 beherbergt sie das Museum des Komponisten; die Gartenfiguren stammen aus der Werkstatt von Matthias Bernhard Braun. Das Nationalmuseum beschreibt die Geschichte des Hauses. Für mich steht hier zunächst die kleine Gartenanlage im Vordergrund: Figur, Sockel, Dachziegel und die geschwungenen Fensterrahmen ergeben schon draußen ein eigenes Motiv.
Kubistische Formen unterhalb von Vyšehrad
An der Kovařovic-VillaKovařovic-VillaGebäudePrag · Tschechien50,066872° N · 14,415959° OKubistische Villa von Josef Chochol aus den Jahren 1912–1913 mit geometrisch gestalteter Gartenanlage, Treppe und Einfriedung.Offizielle Website Google Maps ändert sich die Formensprache erneut. Die helle Fassade hat vorspringende, kantige Flächen. Das Treppenmotiv und die geometrischen Formen laufen bis in den Zaun hinein. Nach der barocken Cacusfigur wirkt diese Architektur beinahe so, als wäre sie aus gefalteten Flächen zusammengesetzt.
Die Villa entsteht 1912–1913 nach einem Entwurf von Josef Chochol für den Bauunternehmer Bedřich Kovařovic. Sie gehört zu den markanten Beispielen des tschechischen Kubismus. Die Denkmalbeschreibung des Stadtbezirks Prag 2 zeigt, dass auch Garten und Einfriedung zu diesem Entwurf gehören. Es geht also um mehr als eine ungewöhnliche Hausfassade.

Von außen lässt sich die Idee gut nachvollziehen. Besonders interessant ist der Übergang vom Haus zum Garten: Dieselben Kanten tauchen an ganz unterschiedlichen Bauteilen wieder auf. Zwischen den vielen älteren Fassaden Prags ist das ein Ziel, bei dem sich genaues Hinsehen lohnt.
Über dem Fluss auf Vyšehrad
Zum Abschluss dieses Rundgangs bin ich auf VyšehradVyšehradHistorische StättePrag · Tschechien50,06417° N · 14,41944° OHistorisches Burg- und Festungsareal auf einer Anhöhe über der Moldau mit Parks und weiten Blicken über den Fluss. Koordinate im Areal, kein Foto-GPS.Offizielle Website Google Maps . Unterhalb der Anhöhe liegt die Moldau, dahinter Smíchov mit seinen Häuserreihen und Hängen. Dazwischen bleibt viel Raum: Wasser, Bäume und die schmale Uferzone.
Vyšehrad ist nicht nur ein weiterer Aussichtspunkt. Der Ort wird im 10. Jahrhundert als befestigter Herrschaftssitz greifbar, ist zeitweise königliche Residenz und wird später zur barocken Festung umgestaltet. Die Geschichte des Areals erklärt, weshalb dieser Felsen über dem Fluss eine so wichtige Rolle spielt. Von hier lässt sich die Lage unmittelbar verstehen: Wer oben steht, überblickt einen langen Abschnitt der Moldau.

Die Bäume sind noch weitgehend kahl. Am gegenüberliegenden Ufer liegen Boote, und auf dem Wasser ist ein Ruderboot unterwegs. Nach den eng gefassten Ansichten auf Figuren, Fenster und Fassaden bleibt der Blick hier wieder am offenen Fluss hängen.
