Ab in die Alpen (2008)
Ich wachse am Niederrhein auf. Dort ist es flach, aber irgendwann möchte ich einmal einen Berg mit dem Snowboard hinunterfahren. Warum, weiß ich eigentlich nicht mehr genau. Ich glaube, das ist so eine Zeit, in der Snowboardfahren irgendwie populär ist. Daher beschließe ich 2008, einen Snowboardkurs zu machen. Wenn schon, dann richtig, in den österreichischen Alpen. Ich kann mich nicht daran erinnern, vorher schon einmal in den Bergen gewesen zu sein. Also wird das meine große Bergreise.
Ich kaufe eine Snowboardjacke, eine passende Hose, lange Unterwäsche, Skisocken, Handschuhe, Mütze, Snowboardschuhe und ein eigenes Board. Nachdem ich das Hotel und den Kurs gebucht habe, kann die Fahrt losgehen. Wir buchen ein Zimmer in Zell am SeeZell am SeeStadt / OrtSalzburg · Österreich47,323333° N · 12,798056° O770 m ü. NNBezirkshauptstadt im Salzburger Pinzgau am Zeller See, Wintersportort mit dem Skigebiet Schmittenhöhe.Google Maps , einem Ort, der für mein Empfinden wie auf einer glatt gestrichenen Fläche zwischen den Bergen liegt. Unten liegen der Ort und der See. Drumherum steigen die Berge auf. Alles ist weiß.
Natürlich gibt es nicht nur den Kurs, sondern auch viel drumherum. Wir erkunden den Ort, und die Bergbahn bringt uns weit hinauf. Überall sehe ich schneebedeckte Berge. Eine großartige Aussicht. Und für jemanden, der aus dem flachen Niederrhein kommt, fühlt sich das an, als würde er auf dem Mount Everest stehen. Ich habe das Gefühl, über die halbe Erde schauen zu können. Und natürlich frage ich mich, ob auf jedem dieser Berge schon einmal jemand gestanden hat.
Voll ausgestattet ins Unglück
Mein Snowboardkurs ist ein Gruppenkurs über mehrere Tage, und zunächst läuft es ganz ordentlich. Ich stehe auf dem Brett, lerne die ersten Grundlagen und komme gut zurecht. Am zweiten Tag passiert es dann. Ich verliere das Gleichgewicht und falle nach vorne. Mein Arm gerät zwischen den Boden und meinen Brustkorb. Und dann tut es weh. Ein unglücklicher Sturz. Mir wird schnell klar, dass mit meinen Rippen etwas nicht stimmt. Die Schmerzen sind so stark, dass ich spontan an einen Rippenbruch denke. Doch man erklärt mir schnell, dass eine Rippenprellung genauso schmerzhaft sein kann. Zur Sicherheit gehe ich ins Krankenhaus und lasse mich röntgen. Und ja, es ist kein Bruch, aber die Prellung ist schmerzhaft genug. Damit ist mein Snowboardkurs beendet.
Der restliche Urlaub gestaltet sich entsprechend. Spazierengehen funktioniert, aber Lachen, Husten oder tiefes Durchatmen sind unangenehm. Das bleibt auch mehrere Wochen so. Beim Lachen merke ich, dass meine Rippen keinen Spaß verstehen.
Es ist echt ärgerlich. Ich fahre extra von HannoverHannoverStadt / OrtNiedersachsen · Deutschland52,374478° N · 9,738553° O58 m ü. NNGoogle Maps nach Österreich, kaufe mir eine komplette Ausrüstung, buche einen Kurs und kann gerade einmal auf dem Brett stehen und den Hang hinuntergleiten. Und nach zwei Tagen ist Feierabend.
Der zweite Versuch (2024)
Es gibt Dinge, die man irgendwann anfängt und dann nie zu Ende bringt. Bei mir ist das Snowboardfahren so ein Fall. Und mein Pioneer-DJ-Pult steht auch noch unbenutzt bei mir.
Die Idee, es noch einmal zu versuchen, verschwindet nie ganz. In DortmundDortmundStadt / OrtNordrhein-Westfalen · Deutschland51,514227° N · 7,465279° O94 m ü. NNGoogle Maps gehe ich in die Sportläden und stelle schnell fest, dass Winterkleidung und Snowboards saisonale Produkte sind, die gerade nicht geführt werden. In BochumBochumStadt / OrtNordrhein-Westfalen · Deutschland51,481811° N · 7,219664° O97 m ü. NNGoogle Maps finde ich mit Plan B FunsportPlan B FunsportSnowboard- und SkateshopBochum · Deutschland51,486655° N · 7,214601° OFachgeschäft für Snowboards, Skateboards, Surf-Ausrüstung und Streetwear in der Bochumer Innenstadt; verkauft Snowboards ganzjährig und bietet Beratung und Verleih an.Offizielle Website Google Maps einen Laden, der das ganze Jahr über Snowboards verkauft. Und das ist mein nächstes Ziel.
Ich telefoniere mit dem Laden und schicke auch ein Foto meiner alten Ausrüstung. Mit dem Zug fahre ich hin, und der Verkäufer nimmt sich viel Zeit. Er erklärt mir alles Mögliche über Boards, Bindungen und die technischen Unterschiede. Er hat viel Ahnung und ich nicht. Ich verstehe ungefähr so viel, als würde mir jemand Quantenmechanik erklären.
Es ist Oktober, und ich sage dem Mitarbeiter, dass ich nächsten Monat wieder vorbeikomme. Das passiert nicht. Ich weiß gar nicht mehr genau, warum, aber irgendwie kommt wieder so viel dazwischen.
Neuanfang für einen Flachländler (2026)
Es ist Oktober 2026. Vielleicht bin ich in einer Lebensphase angekommen, in der nun wirklich einmal Dinge abgehakt werden müssen. Das DJ-Pult steht immer noch genauso bei mir wie mein Kite, den ich nie ernsthaft benutzt habe. Irgendwann muss man ja anfangen, sonst kann man das Zeug auch gleich abgeben. Jetzt ist Snowboardfahren dran. Wirklich.
Meine alte Skijacke und meine Hose finde ich nicht mehr. Und vermutlich wäre ich sowieso gewichtstechnisch aus dieser Klasse herausgewachsen. Also gehe ich in Dortmund in die gleichen Läden, in denen ich auch vorher schon war. Nur gibt es jetzt bereits entsprechende Winterkleidung. Allerdings nicht in meiner Größe. Erst im dritten Laden bekomme ich eine Snowboardhose und eine Jacke, die mir passen. Also bin ich genau so weit wie vor achtzehn Jahren: Die Grundausstattung steht.
Ein Snowboard auf dem Weg zum Ruhestand
Schon zwei Jahre vorher nehme ich mir vor, Kurse in der Skihalle in BottropBottropStadt / OrtNordrhein-Westfalen · Deutschland51,52325° N · 6,925269° O55 m ü. NNGoogle Maps zu besuchen. Das alpincenter Bottropalpincenter BottropSkihalleBottrop · Deutschland51,524242° N · 6,966111° OSkihalle auf der Halde Prosperstraße mit einer 640 m langen Indoor-Piste, eröffnet im Januar 2001.Offizielle Website Google Maps gibt es seit 2001. Die Halle wurde auf einer ehemaligen Bergehalde des Ruhrgebiets errichtet.1sprache1Eine Bergehalde ist ein künstlicher Berg aus Abraum des Steinkohlenbergbaus. Die Piste ist 640 Meter lang und 30 Meter breit und gilt als längste überdachte Skipiste der Welt. Für Anfänger gibt es einen eigenen, flacheren Übungsbereich mit Seillift. Es ist also durchaus mehr als ein kleiner Schneehügel, auch wenn man sich mitten im Ruhrgebiet befindet. Ein weiterer Vorteil für mich: Das Alpincenter liegt nur knapp 45 Autominuten entfernt. Ideal, um erst einmal die Grundlagen zu lernen, bevor ich mich wieder in die richtigen Berge wage. Das Risiko von damals möchte ich nicht noch einmal eingehen.
Ich buche einen Intensivkurs. Das sind sechs Stunden Privatunterricht, verteilt auf drei Termine, und dazu gibt es 50 Prozent Rabatt auf die Eintrittskarten.22Regulär kostet das All-inclusive-Tagesticket für Erwachsene in der Saison 2026/27 ab 74 Euro, an Wochenenden 84 Euro. Es gibt allerdings auch günstigere Tickets für kürzere Aufenthalte. Für mich passt das gut, denn ich möchte nicht den ganzen Tag auf der Piste verbringen, sondern gezielt üben, und ich hoffe darauf, dass gewisse Grundlagen doch noch in meinen Knochen stecken. Statt alle drei Termine fest zu buchen, reserviere ich allerdings erst einmal zwei Termine im Abstand von einer Woche.
Der Tag ist gekommen. Mit dem Wohnmobil fahre ich hin. Oben kann ich nicht parken, nur unten. Leider führt ein längerer Weg durch einen ansteigenden Tunnel nach oben. Meine Ausrüstung muss ich natürlich mitnehmen: Snowboard, Schuhe und alles, was sonst noch dazugehört. Als ich oben ankomme, bin ich bereits ziemlich fertig. Dabei habe ich noch keinen einzigen Meter auf Schnee zurückgelegt. Aufgewärmt bin ich aber.
Ich bezahle meinen Eintritt und den Kurs und gehe anschließend zum Skiverleih. Dort frage ich vorsichtshalber, ob ich mein altes Snowboard und meine Schuhe weiterverwenden kann oder lieber das Leihmaterial nehmen soll, das im Eintrittspreis enthalten ist. Der Mitarbeiter schaut sich mein Board an und erklärt mir schnell, dass das Brett für einen Anfänger nicht wirklich geeignet sei, man die Bindungen heute ganz anders einstelle und er den alten Plastikbindungen sowieso nicht mehr traue.3sprache3Früher standen meine Füße auf dem Board ungefähr parallel. Jetzt zeigt er mir den sogenannten Duck Stance, bei dem die Füße leicht nach außen gedreht sind, also gewissermaßen eine V-Form bilden. Das ist unter anderem praktisch, wenn man später in beide Fahrtrichtungen fahren möchte. Der Fachmann empfiehlt mir eindeutig das Leihmaterial. Außerdem ist es sowieso im Eintrittspreis enthalten, sodass man sich Schuhe und ein Snowboard kostenlos ausleihen kann. Jetzt steht mein Snowboard 18 Jahre im Keller und wartet auf seinen Einsatz. Ich schleppe es den Berg hinauf, und nun wird es mit mir diesen Berg niemals hinunterfahren. Im Nachhinein ist es wohl gut, dass ich mir in Bochum erst einmal kein neues Brett gekauft habe.
Ich ziehe die Schuhe an, bekomme einen Helm, schließe meine Sachen ein, betrete die Halle und warte auf meinen Snowboardlehrer. In der Halle sind es ungefähr minus vier Grad, kalt kommt es mir nicht vor. Es liegt Schnee auf dem Boden, nur das Wetter wird hier durch eine Kühlanlage ersetzt.
Der Berg ruft, ich komme
Mein Snowboardlehrer ist 24 Jahre alt, studiert Sport und Geschichte und sieht ziemlich genau so aus, wie man sich einen jungen Snowboardlehrer vorstellt: schlank, sportlich, sympathisches Lächeln.
Vor dem eigentlichen Losfahren wartet die erste Schwierigkeit auf mich: das Anschnallen des Boards. Ich sitze auf dem Schnee, beuge mich nach vorne und versuche, die Bindungen zu schließen. Dummerweise befindet sich zwischen meinem Oberkörper und den Schuhen inzwischen ein Hindernis, das 2008 noch deutlich kleiner ausfiel: mein Bauch. Bis ich die Bindungen endlich geschlossen habe, muss ich schon ganz ordentlich nach Luft schnappen, und der Puls geht langsam hoch.
Der Snowboardlehrer geht mit mir noch einmal die Grundlagen durch, besteht aber nicht darauf, dass ich Dinge endlos wiederhole. Im Einzelunterricht ist es vielleicht auch praktisch, dass man sagen kann, worauf man sich konzentrieren möchte. Mein Körper erinnert sich tatsächlich noch an einige Grundbewegungen, aber die Lockerheit ist überhaupt noch nicht da. Trotzdem scheint mein Körper manche Bewegungen aus dem Jahr 2008 noch irgendwo gespeichert zu haben. Immer wieder denke ich: Ach ja, das kenne ich doch. Genau das habe ich damals auch gemacht.
Der Berg ruft immer noch. Meine Waden widersprechen.

Mit dem Board komme ich recht gut zurecht. Ich kann bremsen und auf beiden Kanten den Hang hinunterrutschen. Mein Lehrer erklärt, demonstriert und korrigiert. Auf dem Weg den Hallenhang hinunter muss ich zweimal eine kleine Pause machen. Nach ungefähr einer Stunde habe ich eigentlich schon genug. Aber der Unterricht dauert zwei Stunden, und ich möchte die Zeit natürlich nutzen.
Immerhin muss man den Berg nicht zu Fuß wieder hinaufsteigen. Unten bringen zwei Förderbänder („Zauberteppiche“) die Gäste wieder nach oben.4sprache4„Zauberteppich“ ist die gängige Bezeichnung für die Förderbänder in Skigebieten und Skihallen, auf denen man mit angeschnalltem Brett oder Ski einfach stehen bleibt und nach oben fährt. Man findet sie vor allem in Anfängerbereichen. Jedes ist 400 Meter lang, und für die Auffahrt braucht man etwa fünfeinhalb Minuten. Das ist nicht gerade ein Schnellzug, und immer wieder bleibt eines der beiden Bänder stehen. Für mich ist es auch nicht besonders bequem, weil ich ständig mit den Bindungen beschäftigt bin. Das ganze Drumherum kostet im Verhältnis zum eigentlichen Fahren ziemlich viel Zeit. Wir fahren zweimal mit dem Förderband wieder nach oben.55In Neuss dauert die Auffahrt knapp zwei Minuten, weil die Piste dort nur 300 Meter misst, gegenüber 640 Metern in Bottrop. Dafür gibt es in Neuss Schlepplifte und einen Sessellift.
Mein Puls liegt während der zwei Stunden bei 150. Als der Unterricht vorbei ist, bin ich froh. Nicht, weil es keinen Spaß macht, sondern weil meine Waden durch die Fußstellung brennen und meine Oberschenkel hart wie Steine sind – man ist immer in der Hocke.
Am Ende frage ich meinen Lehrer, ob er mir spezielle Übungen empfehlen kann, mit denen ich meine Muskulatur zu Hause auf das Snowboardfahren vorbereiten kann. Er studiert schließlich Sport, und da erwarte ich eigentlich ein paar Tipps. Kniebeugen und Wadenheben fallen mir selbst ein. Zu meiner Überraschung hat er keine konkrete Antwort. So etwas habe ihn offenbar noch niemand gefragt, und er habe darüber noch nie richtig nachgedacht.
Nach zwei Stunden brauche ich erst einmal ein Bett
Nach dem Kurs verlasse ich die Halle und gehe zu meinem Spind zurück. Ich setze mich hin und hole etwas zu trinken heraus. Gefühlt schütte ich einen ganzen Liter Wasser in mich hinein. Ich bin durstig, und mein Hemd ist komplett durchgeschwitzt. Nach ein paar Minuten bringe ich das Snowboard zurück und setze mich wieder hin. Ich muss mich erneut ein paar Minuten ausruhen. Mein Puls liegt immer noch deutlich über 100. Jetzt muss ich die Snowboardschuhe ausziehen und zurückgeben. Selbst das ist anstrengend. Anschließend setze ich mich wieder hin und puste. Irgendwann schaffe ich es, meine normalen Sachen anzuziehen. Und dann wartet natürlich noch der Weg durch diesen Tunnel zurück zum Wohnmobil.
Als ich endlich unten ankomme, bin ich völlig erledigt. Und ich bin froh, dass ich mit dem Wohnmobil gefahren bin, denn das hat ein Bett. Ich wechsle das durchnässte Shirt, ziehe trockene Sachen an und lege mich für eine halbe Stunde hin. Mein Puls liegt immer noch über 100. Und das bleibt auch die nächsten Stunden so.
Auch bei diesem Kurs geht es nicht ganz ohne Verletzungen. Ich falle einmal auf den Hintern und einmal unglücklich auf meine Hand, sodass mein Ringfinger am nächsten Tag geschwollen ist.66Für Ringträger kann es sinnvoll sein, die Ringe vorher abzunehmen. Immerhin keine Rippe geprellt. Juhu. Unfälle können schwerwiegende Folgen haben. Man muss nur an Michael Schumacher denken.77Der siebenfache Formel-1-Weltmeister stürzt am 29. Dezember 2013 beim Skifahren im französischen Méribel abseits der markierten Piste und erleidet ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Er trägt dabei einen Helm. Seitdem lebt er abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Dass in Bottrop zumindest für Kinder unter 13 Jahren eine Helmpflicht gilt, finde ich vernünftig. Für Erwachsene wird das Tragen eines Helmes empfohlen, vorgeschrieben ist es ihnen aber nicht. Ich halte einen Helm auch für Erwachsene für sinnvoll. Handschuhe sind dagegen für alle Pflicht. Und ein gewisses Restrisiko gehört bei diesem Sport eben dazu. In den nächsten Tagen merke ich, wie häufig man den Ringfinger beim Greifen im Alltag doch braucht. Und den Hintern sowieso.
Snowboardfahren in der Halle ist wie Sex mit Kondom
Mit ein paar Tagen Abstand denke ich über das Fahren in der Halle nach. Bottrop ist praktisch zum Üben. Aber mit Snowboardfahren in den Alpen hat das natürlich nur begrenzt etwas zu tun. Das liegt an verschiedenen Dingen. Natürlich liegt Schnee auf dem Boden, und es geht bergab. Aber etwas Entscheidendes fehlt. Snowboardfahren in der Halle ist ein bisschen wie Sex mit Kondom. Es funktioniert, aber vom Gefühl her fehlt etwas. In der Halle läuft Radio mit Schlagermusik, es hängt Werbung von Skigebieten an den Wänden, und nach wenigen Minuten ist die Abfahrt schon wieder vorbei. Ich denke an die Berge zurück. Diese riesigen, weiten Flächen, die schneebedeckten Gipfel. Der Blick geht in die Ferne. Man fühlt sich dort als kleiner Mensch auf einem gewaltigen Berg und gleitet kilometerweit durch die Landschaft.
Dabei geht es gar nicht um Geschwindigkeit. Natürlich schießt auch Adrenalin ins Blut, wenn man zügig die Berge hinunterrauscht. Ich finde aber gerade die reduzierte Landschaft reizvoll. Überall Weiß, kaum etwas lenkt den Blick ab. Und dieses Gefühl kann keine Skihalle ersetzen. Bottrop ist praktisch, das muss man sagen. Es ist ein toller Trainingsort, nur 45 Minuten von mir entfernt. Zum Lernen perfekt. Aber aktuell kann ich mir nicht vorstellen, einfach nur zum Spaß dorthin zu fahren.
Die zweite Stunde
Direkt bei der telefonischen Buchung habe ich von meinen drei Terminen bereits zwei fest vereinbart. Das heißt, es gibt kein Zurück mehr, und ich bin froh, dass mein Finger inzwischen wieder weitgehend abgeschwollen ist. Ich weiß nicht, ob ich vielleicht gekniffen hätte, wenn ich diesen zweiten Termin nicht schon fest gebucht hätte. Aber so muss ich hin. Und das ist gut so.
Die Anreise ist beim zweiten Mal viel entspannter. Das hat zwei Gründe. Zunächst einmal kann ich auf meine eigenen Schuhe und mein Board verzichten. Der zweite Grund ist aber viel wichtiger. Beim ersten Besuch erwähne ich, dass ich mit dem Wohnmobil angereist bin und daher unten parken muss. Und dass der Aufgang ziemlich beschwerlich ist. Man bedauert mich und schlägt vor, vorher anzurufen, denn in den späten Abendstunden sei es nicht so voll, und dann könne ich oben parken. Genau das mache ich. Zwar funktioniert das mit dem Anruf überhaupt nicht, weil es eine Störung im Telefonsystem gibt. Immer wieder komme ich durch und lande dann erneut in der Warteschlange. Also fahre ich einfach nach oben zum Eingang. Ich gehe hinein, erwähne die Probleme mit dem Telefon und darf direkt vor dem Eingang parken. Absolut perfekt. Beste Lage. Ich glaube, es gibt niemanden, der einen kürzeren Weg hat. Im Wohnmobil ziehe ich meine Jacke und meine Skihose an, gehe hinaus und ein paar Meter wieder hinein ins Gebäude.
Beim zweiten Mal geht alles schon viel schneller. Am Empfang bezahlen, Spind suchen, Schuhe holen und anziehen. Und dann lerne ich meinen zweiten Trainer kennen. Auch er ist ein junger Sportstudent. Wir gehen noch einmal ein paar Grundlagen durch und machen neue Übungen. Er macht seinen Job sehr gut.
Auch sein Kurs ist anstrengend. Meine Uhr zeigt in der ersten Stunde erneut einen Puls von 150 an. Ich bitte um eine Pause und sage, dass ich zum Spind gehen möchte, um etwas zu trinken zu holen. Er meint, das sei doch gar nicht nötig, weil Getränke und Buffet bereits im Eintrittspreis enthalten sind. Ich bin verblüfft und komme mir etwas dumm vor, dass ich das nicht weiß. Dieses All-inclusive-Angebot habe ich überhaupt nicht auf dem Schirm. Weder am Empfang noch von meinem ersten Trainer erfahre ich etwas darüber. Mein Trainer nimmt sich die Zeit und zeigt mir den Gastronomiebereich. Ich trinke erst einmal nur ein Glas Wasser, dann machen wir weiter.
Die zweite Stunde ist etwas entspannter, weil ich um mehr Pausen bitte. Nach insgesamt zwei Stunden reicht es mir dann aber auch. Entspannter als beim ersten Mal gebe ich meine Ausrüstung zurück: den Helm, aus dem zwischendurch eine komische braune Brühe auf meine Brille getropft ist, mein Snowboard und die Schuhe, die dieses Mal etwas größer sind und besser passen. Mit meinen Straßenschuhen gehe ich anschließend zurück zum Bistro, um endlich etwas zu essen.
Pause am Buffet
Das All-inclusive-Angebot ist tatsächlich eines der wesentlichen Merkmale der Skihalle in Bottrop. Im Eintrittspreis sind neben der Pistennutzung auch das Snowboard beziehungsweise die Ski samt Schuhen, das Essen und die Getränke enthalten. Die Kaffee- und Softdrinkstationen öffnen bereits um 10 Uhr, das Buffet um 11:30 Uhr. Am Empfang gibt es ein Bändchen, das kontrolliert wird. Während der Gültigkeit seines Tickets kann man sich mehrfach bedienen, ohne zusätzlich bezahlen zu müssen.
Die Auswahl ist groß genug. Es gibt Pommes, Gulasch, Frikadellen, Würstchen, verschiedene Salate und Beilagen. Die Niederländer, von denen es in der Halle einige gibt, freuen sich bestimmt über die Frikandeln. Bei den Nachspeisen gibt es Pudding und Donuts, und in einer Eistruhe stehen Vanille-, Schokoladen- und Erdbeereis. Das Essen ist insgesamt in Ordnung. Es ist kein kulinarisches Highlight, aber bei einem Buffet, das bereits im Eintrittspreis enthalten ist, kann ich mich nicht beschweren.
Ähnlich sieht es bei den Getränken aus. Neben Wasser, Softdrinks und Säften gibt es Kaffee und Tee, aber auch Bier und Wein. Und zwar ohne Mengenbegrenzung, solange das Ticket gültig ist. Gerade wenn man einen ganzen Tag in der Halle verbringt, ist das praktisch. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass manche Besucher vor allem wegen des gastronomischen Angebots kommen. Denn es gibt noch eine andere Möglichkeit, hier Wintersport zu genießen: Man setzt sich mit einem Bierchen in den warmen Restaurantbereich und schaut durch die Scheiben auf das Geschehen im Schnee. Auf der anderen Seite frieren die Leute bei minus vier Grad, und man selbst sitzt im Warmen, trinkt sein Bier und schaut zu. Das ist natürlich auch eine Form von Wintersport. Und vermutlich die deutlich weniger anstrengende.
Für Begleitpersonen, die selbst gar nicht Ski fahren möchten, gibt es ein eigenes Gastronomieticket. Erwachsene zahlen 38 Euro, Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren 24 Euro. Damit können sie das Buffet und die Getränke nutzen, allerdings nur als Begleitung zu einem All-inclusive-Gast. Pro All-inclusive-Ticket lässt sich höchstens ein Gastronomieticket hinzubuchen. Einfach nur zum Essen kann man also nicht vorbeikommen. Für Partner oder Familienmitglieder, die nicht auf die Piste wollen, ist das trotzdem eine Möglichkeit, den Tag gemeinsam in der Halle zu verbringen.
Zum gastronomischen Angebot gehört außerdem eine Bar, in der am Wochenende auch Après-Ski stattfindet. An manchen Abenden kann sie bis ein Uhr nachts geöffnet sein, obwohl die Piste bereits um 22 Uhr schließt. Wer nach dem Snowboardfahren noch etwas trinken möchte, muss also nicht unbedingt sofort nach Hause fahren.
Zum Alpincenter gehört außerdem ein großer Außenbereich mit einem Biergarten hoch über dem Ruhrgebiet. Von dort kann man über die Umgebung schauen und auch das Bottroper TetraederTetraederAussichtspunktBottrop · Deutschland51,527498° N · 6,959889° OBegehbare Stahlkonstruktion in Form einer dreiseitigen Pyramide auf der Halde an der Beckstraße; Landmarke und Aussichtspunkt über das Ruhrgebiet.Google Maps sehen. Bei schönem Wetter kann man dort sitzen, essen und trinken. Für Gruppen gibt es sogar besondere Grilltische, an denen man selbst grillen kann. Der Biergarten spielt vor allem im Sommer eine Rolle, denn die Skihalle macht inzwischen eine längere Sommerpause.88Stand 2026: Skibetrieb von Oktober bis Ende April, dienstags bis donnerstags und sonntags 10 bis 20 Uhr, freitags und samstags bis 22 Uhr, montags Ruhetag (Ausnahmen in den Ferien). Sommerpause der Piste vom 4. Mai bis 30. September; der Biergarten öffnet dann bei gutem Wetter mittwochs bis freitags 14 bis 22 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen 12 bis 22 Uhr. Die Sommerrodelbahn ist wegen Umbau geschlossen.
Fazit
Bottrop bietet hervorragende Möglichkeiten, um für den nächsten Ski- oder Snowboardurlaub zu üben. Die lange Piste mit ihren unterschiedlichen Gefällen bietet grundsätzlich auch Fortgeschrittenen Möglichkeiten. Sie führt sogar durch eine Kurve und überwindet insgesamt 77 Höhenmeter. Das stärkste Gefälle beträgt 24 Prozent. Für Anfänger gibt es den flacheren Übungsbereich, in dem man erst einmal die Grundlagen lernen kann. Dazu kommen die Leihmaterialien, die Kurse und die Gastronomie. Dass man danach noch gemütlich etwas essen oder trinken kann und nicht sofort wieder nach Hause muss, ist ein Vorteil. Mit meinen beiden Lehrern habe ich auch Glück gehabt. Bei meinem zweiten Kurs steht ein anderer Skilehrer mit einer Frau und gibt Unterricht. Irgendwie kommt es mir viel ruppiger vor, wie er spricht und wie er die Bewegungen demonstriert. Vielleicht sind Snowboardfahrer einfach entspannter.
Ich überlege, vielleicht im Sauerland meine ersten Erfahrungen auf einer längeren Piste zu sammeln. Das ist nicht so weit entfernt, auch wenn dort vieles nur mit Kunstschnee funktioniert. Mein eigentliches Ziel bleiben aber die Alpen, eine richtige Piste. Ich möchte mich sicher auf meinem Board bewegen und längere Abfahrten genießen können. Mein zweiter Trainer erkennt richtig, dass ich noch nicht locker genug bin. Auf dem Snowboard bewege ich mich noch mit großer Kraftanstrengung, und so weit bin ich eben noch nicht. Aber ich habe Zeit. Ob ich fünf, zehn, zwanzig oder hundert Unterrichtsstunden brauche, ist egal.